Warum es so schwer ist, unser Verhalten zu ändern

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Sie trotz aller Bemühungen immer wieder in das alte Fahrwasser geraten? Die Antwort: Es gibt mehrere Programme in unserem Gehirn, die verhindern wollen, dass wir unsere eingespielten Muster verändern. Sie erfahren hier, warum diese Programme eigentlich ganz nützlich sind, und was Sie dennoch tun können, um krank machendes Verhalten abzulegen.

 

 

 

Vermutlich haben Sie auch schon einmal versucht, bestimmte Verhaltensweisen oder Denkweisen zu verändern. Das Ergebnis ist meist sehr ernüchternd: Wir investieren Zeit und Energie, aber nach kurzer Zeit setzen sich die alten Angewohnheiten wieder durch. Wir geraten ganz automatisch wieder in alte Denk- und Verhaltensmuster und geben irgendwann frustriert auf.

Kennen Sie? – Ich auch. Hier zeige ich Ihnen drei Gründe, warum es so schwierig ist, eingespielte Muster zu verändern. Hier erfahren Sie aber auch, was Sie dennoch tun können, um endlich aus alten Fahrwassern herauszukommen.

1. Grund: Unser Gehirn möchte Energie sparen

Beispiel: Johann hat sich vorgenommen, endlich einmal Ordnung in sein Wohnchaos zu bringen. Jeden Tag möchte er nun eine Stunde aufräumen. Die ersten Tage gelingt das auch ganz gut. Als er aber Stress auf der Arbeit hat und später nach Hause kommt, verschiebt er sein Haushaltsstündchen mehrmals. Nach 3 Wochen sieht es in seiner Wohnung wieder aus wie zuvor. Das Projekt „schöner wohnen“ ist eingeschlafen.

Johanns Vorhaben ist vor allem deswegen gescheitert, weil er das Energiesparprogramm seines Gehirns unterschätzt hat. Und jede Entscheidung, jedes neue Verhalten braucht Energie. Gerade in unserem komplexen Alltag.

Haben Sie sich schon einmal bewusst gemacht, wieviele Alternativen wir im Lauf eines einzigen Tages haben? Es beginnt bereits mit der Frage „Bleib ich liegen oder stehe ich auf?“ und endet mit „Putze ich mir vor dem Schlafengehen noch die Zähne oder nicht?“.

Dazwischen warten unzählige Entscheidungen auf uns. Würden wir jede dieser Entscheidungen bewusst treffen, so wäre das der totale Overload für unser Gehirn. Vermutlich würden wir noch nicht einmal aus dem Bett kommen, weil bereits die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt des Aufstehens uns überfordern würde.

Daher stellt das Gehirn bei regelmäßig wiederkehrerenden Entscheidungen auf Autopilot um.

Wenn wir nun eine Routine ändern wollen, müssen wir mehr Energie aufbringen, um die alten Muster zu verlassen. Unser Energiespargehirn sträubt sich aber dagegen. Warum sollten wir auch zusätzlich Energie verbrauchen, wenn wir doch auch so überleben? Und je stressiger und komplizierter Ihr Leben ist, desto aktiver das Energiesparprogramm.

Wenn Sie also Ihr Verhalten verändern wollen, müssen Sie bewusst gegen den Energiesparmodus in Ihnen ankämpfen.

Das können Sie tun:

> Legen Sie schriftlich fest, was Sie verändern möchten. Setzen sich sich klare und umschriebene Ziele. Je konkreter, desto besser. Hinterfragen Sie diese Entscheidung anschließend nicht mehr.

> Wählen Sie die Veränderung zunächst klein. Zum Beispiel statt einer kompletten Ernährungsumstellung erst einmal 1 Stück Obst am Tag essen oder nur das Abendessen reduzieren. Am besten Sie beginnen mit einem Zeitaufwand von nur 15 Minuten pro Tag. Je weniger aufwändig, desto eher werden Sie Ihr Energiesparprogramm austricksen können.

> Machen Sie sich den Beginn so leicht wie möglich. Möchten Sie zum Beispiel Sport treiben, so legen Sie am Vorabend schon die Sportsachen bereit. Wenn Sie erst Ihre Tasche packen, eine Telefonnummer heraussuchen oder gesundes Essen einkaufen müssen, um Ihren Vorsatz umzusetzen, so werden Sie vermutlich nicht beginnen.

> Nutzen Sie Ihren Energiesparmodus für sich und schaffen Sie neue Routinen. Wenn Sie immer zur selben Zeit joggen gehen, immer direkt nach dem Essen das Geschirr spülen, oder gleich nach der Arbeit die private Post erledigen, brauchen Sie weniger Anlaufschwierigkeiten. Nach einigen Wochen werden Sie dafür nicht mehr Überwindung aufbringen müssen als bei allen anderen täglichen Routinen.

2. Grund: Unser Schmerzvermeidungsprogramm ist aktiviert

Beispiel: Petra ist unzufrieden in ihrem Beruf und würde sich gern neu orientieren. Ab und zu findet sie bei Durchblättern der Zeitung interessante Stellenanzeigen, darauf beworben hat sie sich aber noch nie. Sie kann selbst nicht verstehen, warum sie sich dabei so schwer tut und diese Aufgabe so lange verschiebt, bis die Bewerbungsfrist verstrichen ist. Als Petra einmal ihrer Freundin beim Erstellen von Bewerbungsunterlagen geholfen hatte, war dies gar kein Problem gewesen. Aber wenn sie selbst sich bewerben muss, bekommt sie eine komplette Blockade.Sie versteht die Welt nicht mehr und beginnt immer mehr, an sich zu zweifeln

Petra wird deswegen blockiert, weil ihr Schmerzvermeidungsprogramm aktiv ist. Unser Gehirn möchte um jeden Preis verhindern, dass wir uns schlecht fühlen und blockiert daher alle Projekte, die einen negatiben Ausgang haben könnten.

Bei einer Bewerbung zum Beispiel geht es um viel mehr als nur um einen neuen Arbeitsplatz. Sollte eine Absage kommen, so leidet der Selbstwert, wir sind enttäuscht, dass wir die Stelle nich bekommen haben, vielleicht schämen wir uns auch und fühlen uns abgelehnt, nicht gut genug.

Angst, Scham und Überforderung sind ganz wesentliche Bremsen, wenn wir Neues wagen und unsere Situation verändern wollen. Denn diese Gefühle sind sehr unangenehm und unser Gehirn möchte um jeden Preis Schmerzen (auch seelische Schmerzen) vermeiden.

Solange die Bewerbung nicht abgeschickt ist, bekommen Sie auch keine Absage.  Die Enttäuschung über eine abgelehnte Bewerbung, wird so vermieden.

Leider verstärkt unser Schmerzvermeidungsprogramm das Problem, denn so bleiben Sie in einer für Sie unbefriedigenden Situation und schaffen es nicht, eine Veränderung herbeizuführen. Wie also tricksen wir dieses Programm aus?

Das können Sie tun:

> Machen Sie sich erst einmal bewusst, welche negativen Gefühle (Angst, Scham, Ärger) Sie blockieren. Je besser Sie wissen, was Sie bremst, desto gezielter können Sie dagegen vorgehen.

> Vermeiden Sie es, zu weit im Voraus zu planen. Sie können jetzt nicht wissen, was in zwanzig Jahren sein wird, und vor allem werden Sie dann über ganz andere Fähigkeiten verfügen als jetzt. Überfordern Sie sich also nicht mit schrecklichen Zukunftsvorhersagen, sondern planen Sie kleine Schritte zu Ihrem Ziel und konzentrieren sich immer nur auf den nächsten Schritt.

> Denken Sie nüchtern. Wir neigen dazu, Dinge, die uns betreffen, sehr emotional zu sehen und machen uns dabei Entscheidungen schwer. Fragen Sie sich daher, was Sie Ihrem besten Freund raten würden und handeln Sie danach. Schätzen Sie die Situation so ein, als wären Sie selbst gar nicht betroffen. So vermeiden Sie emotionale Verzerrungen und Denkfehler.

> Irrationale Ängste können sehr stark blockieren. Verändern Sie diese, indem Sie herausfinden, welche negativen Grundüberzeugungen und vor allem welche inneren Bilder hinter diesen Ängsten stehen. Dann ersetzen Sie die negativen Bilder durch positivere Vorstellungen. Wie dies geht, erfahren Sie in meinem Kurs „Regisseur im Kopf“

3. Grund: Wir versuchen, unsere Grundüberzeugungen aufrecht zu halten

Beispiel: Holger bezeichnet sich selbst gerne als Sportmuffel. Mit Schrecken denkt er an den Sportunterricht in der Schule  zurück. Er verbringt seine Abende am liebsten auf der Couch, längere Wegstrecken zu fuß sind ihm ein Gräuel. Dennoch träumt er davon, fitter zu sein und beneidet die Menschen, die eine durchtrainierte Figur haben. Er hat schon mehrfach mit dem Joggen begonnen, aber nach wenigen Wochen seine Bemühungen eingestellt. „Ich bin nun mal keine Sportskanone“ erzählt er jedem, der es hören will. Und je öfter er es erzählt, desto überzeugter ist er davon.

Bei Holger ist ein neben dem Energiesparmodus noch ein anderes Programm aktiv: eine Art Glaubenssatz-Erhaltungsmodus. Das bedeutet, dass wir uns schwer tun, unsere grundlegenden Einstellungen zu verändern.

Bereits in der frühen Kindheit bilden sich die Überzeugungen heraus, wer wir sind, wie die Welt funktioniert und was erstrebenswert ist. Nach diesen Erkenntnissen richten wir unser Verhalten aus und hinterfragen diese Meinungen so gut wie nicht mehr.

Ganz automatisch ordnet unser Gehirn alle Erlebnisse in die bereits vorhandenen Denkschubladen ein. Was nicht passt, wird ganz einfach ausgefiltert. So erklärt sich vielleicht für manchen, warum der Nachbar so stur auf seiner Sichtweise beharrt, obwohl doch alle Tatsachen dagegen sprechen.

Auch der Glaubenssatz-Erhaltunsmodus hat eine wichtige Funktion: Er gibt uns Orientierung.

Würden wir ständig unser Weltbild und unsere Identität hinterfragen, so könnten wir uns in der sehr komplexen Welt nicht mehr zurecht finden. Und ohne eine eigene Identität und eigene Werte wäre es so, als wären wir in einer Wüste ohne Kompass unterwegs. Wir würden uns wahrscheinlich immer im Kreis drehen, statt zielstrebig eine gerade Linie einzuschlagen.

So wichtig diese Funktionsweise des Gehirns also ist, sie bringt uns dennoch in Schwierigkeiten. Denn die Grundüberzeugungen, die wir bereits in der Kindheit gebildet haben, können völlig falsch sein und uns behindern.

Holger war zum Beispiel überzeugt, kein Sportlertyp zu sein, weil ihn einmal der ältere Bruder verspottet hatte, dass er so langsam sei. Im Sportunterricht war er Durchschnitt, aber die Erkenntnis, unsportlich zu sein, hatte sich schon so eingeprägt, dass er sich immer mit den Besten verglichen hatte. So war er völlig entmutigt und fühlte sich in seiner Grundannahme, dass er dafür  nicht geeignet sei, bestätigt. Und weil seine Anstrengungen, doch einmal fitter zu werden, nie besonders lange dauerten, konnte er keine gegenteilige Erfahrung machen.

Unsere Grundüberzeugungen können also eine Blockade sein. Wenn wir über unsere angenommenen Grenzen förmlich hinauswachsen wollen, müssen wir diese Bremse im Kopf lösen und unser Glaubenssatz-Erhaltungsmuster austricksen.

Das können Sie tun:

> Machen Sie sich bewusst, dass all Ihre Wahrnehmungen automatisch gefiltert werden. Sie werden so ausgewählt, dass sie zu Ihren Grundüberzeugungen passen. Hinterfragen Sie die Annahmen, die Ihre Projekte ausbremsen. Glauben Sie nicht alles, was Sie denken!

> Suchen Sie gezielt Hinweise darauf, dass auch eine andere Grundüberzeugung möglich sein könnte. Je bewusster Sie darauf achten, desto mehr Beweise werden Sie dafür finden

> Urteilen Sie sachlich: Ist es wirklich ein unveränderliches Gesetz, dass Sie zum Beispiel nie ein guter Sportler sein werden? Welche unwiderlegbaren Fakten sprechen tatsächlich dafür? Gefühle und Kindheitserlebnissse sind dabei nicht als Beweismittel zugelassen.

> Beweisen Sie sich selbst das Gegenteil und überprüfen, ob Ihre Grundannahmen tatsächlich stimmen. Ganz wichtig ist dabei auch das Feedback von anderen Menschen. Deren Rückmeldung kann Ihnen helfen, sich selbst in einem anderen Licht zu sehen.

Auch hier kann es manchmal hilfreich sein, alte Erinnerungsbilder zu verändern. In meinem Kurs „Regisseur im Kopf“ erfahren Sie mehr darüber.

Sie sehen, Verhalten zu verändern ist nicht leicht, und so verstehen Sie vielleicht besser, warum Sie bislang immer wieder daran gescheitert sind. Aber ich möchte Ihnen mit diesem Artikel auch Mut machen: Es ist möglich, alle drei blockierenden Programme des Gehirns auszuschalten oder zu umgehen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei, Ihre alten Verhaltensweisen abzulegen und über Ihre ursprünglichen Grenzen immer weiter hinauszuwachsen.

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Die Autorin:

Michaela Muthig ist Ärztin und Psychotherapeutin und hat sich auf Selbstsabotage spezialisiert. Mit Ihrem eigenen Saboteur hat sie Frieden geschlossen und erfüllt sich nun ihren Lebenstraum.

Im Mai 2019 erscheint ihr erstes Buch „Der kleine Saboteur in uns.“