Warum Seelenmüll aus der Kindheit uns immer noch belastet

Manchmal reagieren wir in bestimmten Situationen unangemessen. Dahinter stecken oft Erlebnisse aus der Kindheit, die uns geprägt haben. In ähnlichen Situationen reagieren wir immer noch wie das Kind von damals. Mit der Affektbrücke gibt es eine gute Möglichkeit, solche Links in die Vergangenheit aufzuspüren. Wie das geht und warum Sie diese Übung nicht alleine durchführen sollten, lesen Sie hier.

Kennen Sie das auch? Eigentlich sind Sie erwachsen und haben schon viele schwierige Situationen souverän gemeistert. Manchmal aber reagieren Sie völlig überzogen und können selbst gar nicht verstehen, warum Sie so unvernünftig und überemotional reagiert haben.

So geht es auch Karl. Er ist ein gestandener Kerl, dem die Menschen mit Respekt begegnen. Groß, kräftig, redegewandt und kompetent, lässt er sich so leicht nichts vormachen. Seinen Beruf beherrscht er in- und auswendig. Sobald er aber ein Gespräch mit seinem Chef hat, wird er zu einem Nervenbündel. Er bekommt kaum einen Ton heraus, kann nicht für sich Position beziehen und ärgert sich jedes Mal im Nachhinein, warum es ihm auch diesmal nicht möglich war, seine Argumente und Ideen vorzubringen.

Was steckt dahinter? Bei Karl war es eine sehr belastete Kindheit mit einem cholerischen Vater. Als Kind musste er ständig auf der Hut sein, um keinen Wutausbruch auszulösen. Der Vater wollte immer Recht behalten. Wenn Karl es gewagt hatte, zu widersprechen, konnte es sein, dass der Vater laut wurde oder mit Gegenständen warf.

Dies hatte sich eingebrannt. Immer wenn Karl in eine Situation kam, die ihn an damals erinnerte, reagierte er wie das Kind von früher, verschreckt und in Erwartung eines weiteren Wutausbruchs.

Wie ein Elefant an der Leine

Vielleicht kennen Sie ja die Geschichte vom Elefanten im Zirkus. Der war an einem Holzpflock angeleint. Ein Zirkusbesucher wunderte sich, warum dieser große und starke Elefant durch einen kleinen Holzpflock in der Erde festgehalten wurde. Der Zirkusdirektor erklärte ihm, dass dieser Elefant schon als ganz kleines Tier so festgehalten wurde. Damals hatte das Jungtier sich zu befreien versucht, aber war nicht stark genug. Irgendwann hatte er mit seinen Befreiungsversuchen aufgehört und es nie wieder versucht. Dass er nun als erwachsenes Tier sich mit Leichtigkeit befreien könnte, hatte er daher nie erfahren.

Altlasten aus der Kindheit

Karl geht es genauso. Er ist mittlerweile 35 Jahre alt und sehr kräftig. Mit Leichtigkeit könnte er heute seinen Vater gegenübertreten und in die Schranken weisen. Aber er muss erst lernen, dass er kein kleines Kind mehr ist, sondern stark genug, um sich selbst aus der Fußfessel der Vergangenheit zu lösen.

Karl ist nicht der einzige. In meiner Zeit als Ärztin in einer psychosomatischen Klinik habe ich viele dieser Geschichten kennengelernt. Menschen mit enorm vielen Fähigkeiten, die aber in bestimmten Situationen überzogen und irrational reagieren. Und auch im Bekanntenkreis oder bei mir selbst kenne ich dieses Problem.

Wir alle schleppen Altlasten aus der Vergangenheit mit uns mit.

Doch es ist gar nicht so einfach, den Seelenmüll aus der Kindheit zu beseitigen. Denn er ist sehr gut in unserem Unterbewusstsein verborgen. Wir bemerken nur die Auswirkungen.

Ganz häufig wissen wir gar nicht, warum wir so unvernünftig reagiert haben. Statt dessen zweifeln wir an uns selbst und halten uns für kindisch, emotionale Nervenbündel oder viel Schlimmeres.

Brücke in die Vergangenheit

In der Psychotherapie gibt es eine gute Methode, um diesem Seelenmüll auszugraben. Die sogenannte Affektbrücke ist eine Methode, die zum Beispiel in der Traumatherapie angewandt wird.

Dabei macht sich der Patient eine Situation bewusst, in der er überzogen und in seinen Augen nicht angemessen reagiert hatte. Dann fragt er sich mit Hilfe seines Therapeuten, in welchen früheren Erlebnissen er sich ganz ähnlich gefühlt hat. Im Rahmen einer Imaginationsübung ruft er sich verschiedene Situationen von früher vor Augen. Oft stoßen Patient und Therapeut dann auf belastende Erinnerungen aus der Kindheit, die dann in einem nächsten Schritt bearbeitet werden können.

Ich spreche die Imaginationsübung zur Affektbrücke hier bewusst nicht auf, da weder Sie noch ich wissen, welche Erinnerungen hochkommen. Ich rate deutlich davon ab, diese Büchse der Pandora allein und unvorbereitet öffnen zu wollen.

Tun Sie das nur in Begleitung mit einem erfahrenen Therapeuten oder nach guter Vorbereitung.

Was können Sie also nun tun

Zunächst einmal ist es wichtig, nicht an sich selbst zu verzweifeln. Wenn Sie in manchen Situationen komisch reagieren und sich selbst nicht erklären können, warum Sie sich so unvernünftig verhalten haben, dann haben Sie nun eine Erklärung dafür. Vermutlich sind Sie mal wieder auf ein Fass Seelenmüll gestoßen.

In vielen Fällen reicht es aus, das zu wissen und sich bewusst zu machen, dass sie nicht mehr das kleine Kind von damals sind. Denken Sie dann an die Geschichte mit dem Elefanten und handeln Sie wie ein Erwachsener.

Wenn Sie immer wieder erleben, zu was Sie als Erwachsener fähig sind, können Sie die kindlichen Gefühle nach und nach durch diese positiven Erfahrungen ersetzen.

Manchmal aber genügt das nicht. Dann empfehle ich Ihnen eine Kurzzeittherapie, in der Sie mit einem erfahrenen Therapeuten in die Vergangenheit zurückreisen und mit Hilfe der Affektbrücke den Erinnerungen auf die Spur kommen.

Sie können auch meinen Kurs Regisseur im Kopf belegen. Dort lernen Sie vorher mehrere Stabilisierungsübungen, um dann gut vorbereitet den Weg in die Vergangenheit anzutreten und den Seelenmüll auszugraben.

Aber Vorsicht: Tun Sie das nur wenn keine traumatisierenden Erlebnisse in der Vergangenheit vorlagen. Ansonsten sind Sie mit solchen Erinnerungen überfordert. Sollten Sie einmal sehr schreckliche und verstörende Dinge erlebt haben, so rate ich nochmals eindrücklich, sich Unterstützung bei einem Therapeuten zu holen.


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Die Autorin:

Michaela Muthig ist Ärztin und Psychotherapeutin und hat sich auf Selbstsabotage spezialisiert. Mit Ihrem eigenen Saboteur hat sie Frieden geschlossen und erfüllt sich nun ihren Lebenstraum.

Im Mai 2019 ist ihr erstes Buch „Der kleine Saboteur in uns“ erschienen.