Wie der innere Saboteur dich beim Abnehmen behindert

Helga wiegt sich schon lange nicht mehr. Sie will gar nicht wissen, wieviel sie schon wieder zugenommen hat. Doch auch so merkt sie es daran, dass viele ihrer Hosen nicht mehr richtig passen. Sie nimmt sich vor, wieder mal bewusster auf ihr Essen zu achten, aber es bleibt beim Vorsatz.

„Wenn ich nur wüsste, was ich falsch mache“ beklagt sie sich „Ich will ja abnehmen, aber es klappt einfach nicht!“

Helga ist mit diesem Problem nicht allein. Im Lauf meiner klinischen Tätigkeit in der Psychosomatik habe ich mit vielen Menschen gearbeitet, denen es ganz ähnlich ging.

Das Problem ist dabei nicht die fehlende Disziplin oder die fehlende Zeit. Es sind auch nicht die Gene (zumindest nicht zum größten Teil).

Der Grund liegt viel tiefer: in unserem Unterbewusstsein. Denn dort sitzt ein kleiner Saboteur, der uns daran hindern möchte, unser Essverhalten zu verändern.

Wie kann das denn sein, dass ich mich sabotiere?

Selbstsabotage geschieht oft ganz subtil, so dass uns sehr lange nicht klar ist, was da pasiert. Und meist beginnt sie im Kopf. Schauen Sie mal, ob Sie solche Aussagen auch von sich kennen:

Ich weiß auch nicht, warum ich nicht abnehme. Ich esse nur ganz wenig.

Die meisten Menschen, die ich kenne, unterschätzen die Menge, die sie essen. Weil sie nämlich oft gar nicht registrieren, was sie zu sich nehmen. Sei es der kleine Keks zwischendurch, die Brezel auf dem Weg zur Arbeit, die Süßigkeiten, die bei der Besprechung auf dem Tisch liegen. „Das ist eigentlich vernachlässigbar“ denken wir uns und unterschätzen dabei, wieviel zusätzliche Kalorien wir am Tag zu uns nehmen, ohne dass uns dies bewusst ist.

Das lohnt sich jetzt auch nicht mehr, aufzuheben

Ganz oft essen wir nicht, bis wir satt sind, sondern bis nichts mehr da ist. Von klein auf haben wir gelernt, unseren Teller leer zu essen. Meist kochen wir auch etwas größere Mengen, aus Angst, vielleicht sonst nicht satt zu werden. Oder bestellen im Restaurant lieber ein Hauptgericht als nur eine Vorspeise. Oder nehmen beim Fastfood-Restaurant das Maxi-Menü, weil es ja nur 1 Euro mehr kostet.

Ohne es zu merken nehmen wir dadurch viel mehr zu uns, als wir wirklich bräuchten und wundern uns, warum wir nicht abnehmen.

Ich brauch jetzt einfach Schokolade

Viel zu oft greifen wir zu Süßen, wenn wir unglücklich sind oder uns geärgert haben.- Auch das haben viele schon als Kind gelernt. Vielleicht wurden auch sie mit einem Bonbon getröstet, wenn sie sich das Knie angeschlagen hatten, oder haben ein Eis zur Belohnung bekommen, wenn Sie mal besonders brav waren.

Und schon hat sich in unserem Kopf eine Verknüpfung ergeben: Trost/Belohnung = Süßes. Sehr häufig greifen wir also dann zu kalorienreichen Nahrungsmitteln, wenn wir unglücklich sind. Und falls es so weit ist, dass wir über unser Gewicht unglücklich sind und uns daher am liebsten mit Essen trösten wollen, ist der Teufelskreis perfekt.

Jetzt ist es ja auch egal

Mit diesem Satz beginnen wir oft, ganz unkontrolliert und viel zu viel zu essen. Gerade dann, wenn wir vorhaben, uns ganz strikt an einen Ernährungsplan zu halten, um abzunehmen, kann die geringste Abweichung zu einem unkontrollierten Essanfall führen.

Und nein, es ist nicht egal, ob Sie einmal ein zweites Stück Kuchen genommen haben. Wenn Sie danach aufhören, ist es immer noch besser, als wenn Sie vor lauter Frust gleich noch den restlichen Kuchen aufessen.

Aber warum sollte ich mich selbst am Abnehmen hindern?

Vielleicht werden Sie mir nicht glauben, wenn ich Ihnen sage, dass zumindest ein Teil in Ihnen gar nichts verändern möchte. Aber es ist so. Denn ansonsten wären Sie schon am Ziel. Also nehmen Sie das erst einmal als gegeben hin und gehen Sie mit mir auf die Ursachensuche.

Für Selbstsabotage gibt es immer einen Grund. Manchmal sogar mehrere. Nicht alle Gründe, die ich hier nenne, müssen auf Sie zutreffen, aber je mehr Ihnen davon bekannt vorkommt, desto schwerer haben Sie es mit der Gewichtsabnahme.

Zweifel am Erfolg

Unser innerer Saboteur möchte uns vor Enttäuschungen und seelischen Schmerzen bewahren. Und kaum etwas ist schmerzhafter, als wieder einmal versagt zu haben. Bei jeder Projekt, das wir planen, prüft er erst einmal, wie hoch die Erfolgswahrscheinlichkeit ist. Wenn ihm das Unternehmen zu riskant ist, wird er es sabotieren.

Fragen Sie sich daher: „Glauben ich tatsächlich, dass ich es schaffen kann, dauerhaft Gewicht abzunehmen, oder bin ich durch voran gegangene Abnehmversuche völlig verunsichert? „

Je mehr Diäten Sie schon erfolglos begonnen haben, desto wahrscheinlicher wird Ihr Saboteur zuschlagen, wenn Sie wieder einen neuen Versuch unternehmen.

Was können Sie tun?

Sie haben natürlich keine Zeitmaschine, um vergangene Abnehmversuche ungeschehen zu machen. Die Vergangenheit können wir nicht ändern, aber Sie können aus ihr lernen. Setzen Sie sich daher einmal hin und überlegen Sie, woran Sie jeweils gescheitert sind. Welche Umstände lagen damals vor, die es schwer gemacht haben, welche inneren Einstellungen hatten Sie?

Lernen Sie dabei aus Ihren Erfahrungen und überlegen Sie, was Sie diesmal anders machen können. Hier habe ich einige Beispiele:

  • Sie haben damals eine Diät begonnen, die so einseitig war, dass Sie nicht durchhalten konnten.
    -> Machen Sie sich im Vorfeld Gedanken, wie eine Ernährung aussehen könnte, die Sie nicht zu sehr einschränkt. Eignen Sie sich Wissen an, wie gesundes Abnehmen geht. Am besten suchen Sie eine Ernährungsberatung auf.
  • Sie konnten sich nicht motivieren dran zu bleiben, weil Ihnen die positive Verstärkung gefehlt hat.
    -> Suchen Sie sich für den nächsten Abnehmversuch Freunde, die Sie motivieren oder am besten Gleichgesinnte, die ebenfalls abnehmen wollen und gehen Sie es gemeinsam an.
  • Es hatte zwar die ersten 3 Wochen gut geklappt, aber dann wurden Sie nachlässig und innerhalb kurzer Zeit haben Sie wieder normal gegessen.
    -> Machen Sie beim nächsten Mal nicht zu früh Ausnahmen. Planen Sie vielmehr ausreichend Zeit ein, damit das neue Essverhalten zur Routine werden kann.

Wenn Sie aus Ihren früheren Versuchen gelernt haben, machen Sie nun Ihrem Saboteur deutlich, dass Sie ganz anders vorgehen werden und somit eine höhere Erfolgsaussicht haben. Auch die innere Einstellung und die äußeren Umstände können sich geändert haben. So sind vielleicht aktuell weniger Belastungen in Ihrem Leben als früher. Oder Sie haben mehr Unterstützung.

Je klarer Sie sich (und damit Ihrem Saboteur) machen, dass Sie es wirklich schaffen können, abzunehmen, desto wahrscheinlicher ist es, dass er Sie in Ruhe lassen wird.

Geringer Selbstwert

Oft ist uns gar nicht bewusst, wie sehr unser Selbstwert auch mit unserem Äußeren zu tun hat. Aber in einer Welt, in der das Äußere immer wichtiger wird, in der vermittelt wird, dass man jung und fit und sportlich bleiben muss, ist es schwierig, das eine (Gewicht, Figur) nicht automatisch mit dem anderen (Selbstwert) zu verknüpfen. Und das, obwohl unser Aussehen nicht das Geringste über unseren Wert aussagt.

Menschen, die mit Übergewicht zu kämpfen haben, fühlen sich dumm, eklig, unfähig, faul und noch vieles andere mehr. Natürlich sind sie es nicht! Aber das Gefühl bleibt. Und je länger Sie mit sich selbst unzufrieden sind, desto mehr leidet der Selbstwert.

Doch wenn man sich wertlos fühlen, ist es schwierig, für sich zu kämpfen. Oft kommen dann solche Aussagen:

  • Ich hab es eigentlich nicht anders verdient
  • Das lohnt sich ja gar nicht
  • Ich bin halt dumm und unfähig, da kann man nichts machen

Wenn sich solche Gedanken erst einmal fest gesetzt haben, strafen wir uns unbewusst selbst. Wir sind von uns selbst enttäuscht. Und mit jedem Blick in den Spiegel sehen wir die fleischgewordene Enttäuschung vor uns.  Dies weckt in uns fast eine grimmige Befriedigung („Geschieht mir recht“). Und macht uns gleichzeitig unglücklich. Ein Teufelskreis mit Abwärtsspirale, der bis hin zu Selbsthass führen kann.

Was können Sie tun?

Machen Sie sich zunächst deutlich, dass Ihr Selbstwert von ganz vielen Faktoren abhängt und nicht (nur) vom Aussehen. Zum Beispiel von Beziehungen, von Ihrer Arbeit, von Hobbys und Ihrer ganz eigenen unverwechselbaren Art.

Machen Sie sich bewusst, dass Ihr Aussehen weder etwas über Ihre Intelligenz noch über Ihre Fähigkeiten aussagt.  Und erst recht nicht über Ihren Wert.

Bauen Sie Ihren Selbstwert weiter auf, indem Sie sich positive Rückmeldung von Freunden holen, indem Sie sich klar machen, was Sie in Ihrem Leben schon alles bewältigt haben, und indem Sie Dinge tun, die Ihnen einfach gut tun. So können Sie nach und nach einen positiveren Blick auf sich selbst gewinnen. Bis Sie soweit sind, dass es Ihnen auch wirklich rundum gut gehen darf.

Das Problem liegt eigentlich woanders

Manchmal kann es auch sein, dass unser Saboteur etwas gegen das Abnehmen hat, weil er ansonsten negative Konsequenzen befürchtet.

Zum Beispiel hatte ein junges Mädchen einen sexuellen Übergriff erleiden müssen. Sie hatte diesen aus Scham verheimlicht, sich in sich zurückgezogen und aus Kummer gegessen. Durch die Gewichtszunahme fühlte sie sich weniger sexuell attraktiv und dadurch auch vor weiteren Übergriffen geschützt. Immer dann, wenn sie einmal einige Kilogramm abgenommen hatte und Komplimente von anderen (insbesondere von Männern) bekam, gab sie ihren Abnehmversuch wieder auf.

Lange war ihr dieses Muster und die dahinter legende Motivation überhaupt nicht bewusst, erst durch intensive Psychotherapeutische Arbeit wurde ihr der Zusammenhang zu ihrem traumatischem Erlebnis in jungen Jahren bewusst und konnte dann bearbeitet werden.

Nicht immer steckt hinter einem Abnehm-Saboteur solch ein gravierender Auslöser. Es können auch ganz andere Gründe vorliegen: Die Angst, dann in der Beziehung nicht mehr geliebt zu werden. Oder umgekehrt: die Angst, dann vielleicht selbst aus einer unglücklichen Beziehung ausbrechen zu wollen, Freundschaften, die sich ändern könnten. Oder das eigene Lebenskonzept, das dann hinterfragt werden müsste.

Außerdem ist es Ihrem Saboteur viel lieber, dass Sie sich mit dem Essen und nicht mit der dahinter liegenden Ursache beschäftigen. Diese anzusehen wäre zu schmerzhaft, würde Sie vielleicht zu sehr erschüttern. Da ist es viel einfacher und auch ungefährlicher, mit dem Gewicht unzufrieden zu sein, Abnehmversuche zu starten, sie wieder zu beenden und sich nur darauf zu konzentrieren.

Was können Sie tun

Fragen Sie sich: Was ist der Vorteil davon, dass ich zunehme, oder zumindest nicht abnehme? Was würde sich verändern, wenn ich abnehme? Was in meinem Leben würde sich dadurch verschlechtern? Und: Warum mache ich mir solche Mühe, erfolglos zu bleiben?

Schreiben Sie sich einmal auf, welche positiven, aber auch welche negativen Konsequenzen Sie in Ihrem Leben erwarten, wenn Sie Ihre Traumfigur erreicht haben. Wie würde sich Ihr Leben verändern.

Manches können Sie selbst schon gut erkennen. Manchmal braucht es dazu aber auch die Hilfe eines guten Coaches oder eines Psychotherapeuten, um verborgene Ängste auszugraben und innere Blockaden abzubauen.

Und noch zwei Tipps zum Schluss:

Egal, ob es ein Abnehmversuch ist oder ein anderes Projekt, an dem Sie wiederholt scheitern: Schauen Sie immer genau hin und finden Sie heraus, ob und warum Ihr Saboteur aktiv ist.


Falls Sie sich in dem Artikel in einigen Punkten wieder erkannt haben, könnte mein Kurs „Besser essen“ etwas für Sie sein. Der startet am 24.11. und wird von mir intensiv begleitet. Mehr dazu erfahren Sie hier.

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