„Sag mal, hast du mich gar nicht vermisst?!“

Mit vorwurfsvollem Blick starrt mich mein Angsthase an. Und ich stelle überrascht fest, dass ich die letzten drei Wochen tatsächlich komplett ohne Angst oder Zukunftssorgen gelebt habe.

Habe ich das vermisst? Um ehrlich zu sein: Nein! Aber wie macht man das seinem Angsthasen begreiflich, der jetzt schon sichtlich gekränkt ist, weil ich ihn ganz offensichtlich komplett vergessen hatte?

„Sag mal“, beginne ich diplomatisch, „wo warst du denn? Hast du dich schön amüsiert?“ Doch leider lässt sich mein Gesprächspartner nicht auf diesen Ablenkungsversuch ein. „Ich habe dir gar nicht gefehlt!“ jammert er.

Das stimmt. Er hat mir nicht gefehlt. Ich habe mich frei, leicht und unbeschwert gefühlt. Selbst die Corona-Zahlen haben mich wenig beschäftigt. Meiner Meinung nach könnte das gern so weitergehen.

Doch was mache mich mit meinem Angsthasen? Kann ich ihn einfach entlassen? Während ich so darüber nachsinne, beginnt das Objekt meiner Gedanken zu lamentieren. „Undankbar! Da reiße ich mir jahrelang den Hintern auf, mache jede Menge Überstunden, bewahre dich vor allen möglichen Gefahren, und du vermisst mich noch nicht einmal!“ – „Oh“ entgegne ich. „Es war mir gar nicht bewusst, dass das so anstrengend ist. Aber warum machst du diesen Job eigentlich? Kann man den nicht einfach wegrationalisieren?“

Über diesen dummen Vorschlag kann mein Häschen nur wutentbrannt schnauben. „Und dann? Dann wirst du zu sorglos, stürzt dich in irgendwelche hirnverbrannten Ideen und am Ende wirst du pleite und ungeliebt enden“

So ganz teile ich die Einschätzung meines Angst-Beauftragten nicht. also mache ich ihm einen Vorschlag:

„Was hältst du davon, wenn ich jetzt erst einmal bis zum Ende des Jahres so weiterlebe? In 3,5 Monaten wird schon nicht so viel passieren und am Ende des Jahres ziehen wir gemeinsam Bilanz, ob irgend etwas Schlimmes passiert ist, ok?“

 Mein Angthase schaut mich traurig an. „Und was soll ich in der Zwischenzeit machen?“ – „Hmmmm…. du könntest Urlaub machen. Oder du bist wie die Feuerwehr einfach auf Abruf da, wenn ich dich mal brauche, ok? Weißt du, es ist sehr wichtig eine Feuerwehr zu haben, aber es reicht, wenn sie kommt, sobald es wirklich brennt.“

„Und das reicht?“  – „Oh ja!“, entgegne ich eifrig. Du hast die letzten Jahre so viel gearbeitet und sicher eine Menge Überstunden angehäuft. Jetzt darfst du dich mal entspannen. Und gegen Ende des Jahres sprechen wir dann nochmal, ok? 

Mein Häschen verschwindet, und ich bleibe allein zurück. Vielleicht klappt es ja wirklich, und ich kann mich ja tatsächlich davon überzeugen, dass es sich mit etwas weniger Angst besser lebt.

Ich werde es ausprobieren und davon berichten. Jetzt freue ich mich aber erst einmal auf dreieinhalb hoffentlich sorglose Monate.

 

In den Momenten, in denn wir unsere Angst vergessen können, wird ganz viel möglich. Viel mehr als wir jetzt vielleicht glauben.

 

 

 

Wie ist das bei Ihnen? Können Sie Ihren Angsthasen auch – zumindest für eine kurze Zeit – mal in Urlaub schicken?

Welche Techniken wenden Sie an, um Ihre Angst ab und zu mal loszulassen?

Schreiben Sie es mir gern in die Kommentare.