„Die Welt ist so ungerecht“

Ich bin überrascht. Es ist selten, dass mein Saboteur überhaupt mal hörbar wird und nicht einfach aus dem sicheren Unterbewusstsein heraus agiert. Und nun meldet er sich sogar von allein zu Wort.

„Was ist dir denn über die Leber gelaufen,“ frage ich ihn? „Und warum ist die Welt denn so ungerecht?“

„Naja, schau mal, was wir Saboteure alles für euch Menschen tun…“

„Du meinst… unsere ganzen Träume zunichtemachen?“ entgegne ich. Eigentlich möchte ich ihn gar nicht provozieren, aber diese Vorlage kann ich einfach nicht unerwidert lassen.

„Du kapierst überhaupt gar nichts!“, schimpft er. „Wir machen nur die Träume zunichte, die sowieso unrealistisch sind“ – „Mit Verlaub, aber das ist doch allein eure Einschätzung. Wenn ihr sie nicht sofort sabotieren würdet, wären sie ja vielleicht sogar realistisch.“

Diese Diskussion hatten wir schon öfters und mein Saboteur weiß das. Vermutlich wechselt er daher ganz schnell seine Argumentation.

„Aber wir sabotieren auch vor allem die Träume, die falsch sind. Hast du eine Ahnung, welche Arbeit das für uns ist? Und von welchem unschätzbaren Wert? Wenn wir Saboteure nicht wären, würdet ihr doch ständig in die falsche Richtung laufen. Ihr Menschen seid manchmal ganz schön verbohrt. Denkt immer, ihr wüsstet, was gut für euch ist. Gar nichts wisst ihr!

In Wirklichkeit sucht ihr euch immer wieder Träume aus, die gar nicht zu euch passen. Weil ihr nicht nachdenkt und nur auf das hört, was andere euch sagen.“

Ihr habt immer das Gefühl, das müsse man so machen. Und weißt du was? Ihr denkt ständig, ihr müsstet genauso leben wie die Eltern das gernhätten. So blöd!“

Ich höre ruhig der Schimpftirade zu, bis sie abrupt endet und der Saboteur nach Luft schnappt.

„Und daher versucht ihr zu helfen, nicht wahr?“, frage ich ihn. In manchen Dingen liegt er ja auch tatsächlich richtig. Ich denke zurück an manche fixe Ideen, die ich mal hatte und von denen ich nun froh bin, dass aus ihnen nichts geworden ist. 

„Ja, wir versuchen halt, euch auf dem richtigen Weg zu bringen.“

„Ich kann nachvollziehen, dass ihr uns etwas Gutes tun wollt. Aber müsst ihr dabei immer gleich die ganzen Träume kaputt machen und uns Steine in den Weg legen? Ist das denn wirklich nötig?“

Mein Saboteur klingt nun so herablassend, als würde er mit einem dummen Kind sprechen. „Meinst du denn, die Menschen würden einfach auf mich hören, wenn ich sage ‚Tu es nicht‘? Die wollen ihren Traum doch nicht so einfach loslassen.“

„Keine Ahnung, ob das funktionieren würde – aber weißt du was? Bei mir können die Menschen herausfinden, was sie wirklich wollen. Und sie können lernen, mehr auf ihren Saboteur und seine Motive zu achten. Dann wäre es für euch gar nicht mehr nötig, diese zerstörerische Schwerstarbeit zu leisten, oder?“

Lange denkt der Saboteur nach, als er sich wieder meldet, klingt seine Stimme zur Hälfte skeptisch und zur Hälfte hoffnungsvoll: „Zumindest könnte man es versuchen.“

Darf’s noch ein bisschen mehr Mut sein?

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