Einst lebte ein weiser Mann in einem Kloster auf der Spitze eines hohen Berges. Er war dafür bekannt, klugen Rat zu geben und so zogen Menschen von nah und fern hinauf, um an seiner Weisheit teilzuhaben.

So kämpfte sich auch ein junger Mann durch die Widrigkeiten des Wetters nach oben und begehrte, bei dem Alten vorzusprechen. Er musste lange warten, bis er in die Stube des Alten geführt wurde.

„Ich will sie nicht zu lange stören.“, begann er das Gespräch, „Sicher sind Sie sehr beschäftigt.“ – „Oh nein!“, wurde er lächelnd unterbrochen, „Ich habe nur erst den wunderschönen Sängen der Vögel zuhören wollen. Kannst du das auch hören? Berührend, oder?“

Der Besucher spürte, wie in ihm Ärger aufstieg. Dafür hatte er so lange warten müssen? „Sehen Sie, das ist das Problem.“, erwiderte er. „Ich werde einfach nicht respektiert. Selbst Sie respektieren mich nicht und lassen mich warten.“

„Ich sehe“, lächelte der Weise. „Du willst mehr Respekt… Warum?“

Der junge Mann war irritiert über diese Frage. Er hatte sich den Ratgeber ganz anders vorgestellt. „Naja, weil es wichtig ist, dass meine Grenzen berücksichtigt werden und ich nicht immer ausgenutzt werde.“

„Aber ist es nicht eher deine Aufgabe, deine Grenzen zu respektieren? Du bist der einzige, der genau weiß, wo sie verlaufen. Kann es sein, dass du dir Respekt wünschst, um diese unliebsame Aufgabe, die eigenen Grenzen aufzuzeigen und zu verteidigen, zu delegieren? Aber Selbstfürsorge, Selbstwert und Selbstrespekt kann man nicht delegieren!

Wenn Menschen sich Respekt, Liebe oder Aufmerksamkeit wünschen, liegt das meist daran, dass sie selbst sich nicht in der Lage sehen, sich diesen zu geben.

Als ich dich gerade warten ließ, ging es gar nicht darum, dass ich dich nicht respektiert habe. Vielmehr habe ich meine Bedürfnisse zuerst respektiert. Und als sie gestillt waren, hatte ich genug Energie und innere Kraft, um mich nun um deine kümmern zu können.

Und das ist das Geheimnis. Sorge zunächst gut für dich selbst. Dann fällt es dir leicht, auch für andere zu sorgen. Warte nicht darauf, dass ein anderer dir die Aufgabe abnimmt, die nur du selbst lösen kannst und auch lösen musst. Respektiere dich, deine Grenzen und deine Bedürfnisse, damit auch andere dich respektieren können.“

Nach dieser langen Rede erhob sich der Alte und verließ den Raum. Der Besucher blieb verwundert und voller Gedanken zurück.

Darf’s noch ein bisschen mehr Mut sein?

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