Ulrike ist in ihr Buch vertieft, als sie plötzlich lautes Weinen aus dem Nebenzimmer hört. Ihre 6-jährige Tochter hatte sich ausnahmsweise einmal still beschäftigt und stundenlang hingebungsvoll mit Wasserfarben ein Bild gemalt. Jetzt ist es aber vorbei mit der stillen Zufriedenheit.

“Was ist denn los”, fragt sie das schluchzende Kind. Als Antwort darauf zeigt die Kleine ihr ein Bild, auf dem in der Mitte ein großer schwarzer Fleck prangt.

“Gerade als ich fast fertig war”, weint sie. “Jetzt ist alles kaputt!”

Während Ulrike ihre Tochter auf den Schoß nimmt und ihr tröstend über den Kopf streichelt schweifen ihre Gedanken in die Vergangenheit. Sie sieht sich selbst, kaum älter als ihre Tochter jetzt, wie sie weinend vor den Schulaufgaben sitzt. Nachdem sie ihre Hausaufgaben fast beendet hatte, hatte sich ein großer Tintenklecks auf den geschriebenen Zeilen ausgebreitet. Noch gut kann sie sich an die schallende Ohrfeige erinnern, die sie von ihrer Mutter bekommen hatte, sie schmerzt immer noch. Die Schelte ihrer Mutter hat sie noch in den Ohren, als ob es gerade passiert wäre: ‘Musst du immer so unachtsam sein? So kannst du das morgen nicht abgeben. Gleich schreibst du das alles nochmal fein und säuberlich ab’ 

Wie sehr hatte sie sich damals gewünscht, dass ihre Mutter anders reagiert hätte.

Mit einem Ruck taucht Ulrike wieder in die Gegenwart ein. Jetzt kann sie es anders machen.

“Weißt du was?”, sagt sie zu ihrer Tochter. “Solche Dinge passieren. Und sie sind nicht schlimm. Wichtig ist, wie wir mit unseren Fehlern umgehen. In Wirklichkeit ist das nämlich gar kein Fleck, sondern ein Waldschrat. Ich zeigs dir!”

Noch während die Tochter skeptisch dreinschaut, nimmt Ulrike einen schwarzen Filzstift zur Hand und verpasst dem Flecken Arme, Beine und einen Schwanz. Mit zwei kleinen Tüpfelchen Deckweiß als Augen, sieht das Ganze nun aus wie ein pelziges Monsterchen, das mitten in der Wiese steht.

“Bäume und Häuser und einen Himmel malen ganz viele. Aber nur du hast einen Waldschrat. Dein Klecks hat aus dem Bild was ganz besonderes gemacht, siehst du?”

Strahlend nimmt die Kleine das Bild entgegen und hüpft davon. Ulrike blickt ihr versonnen hinterher. Vielleicht sollte sie mit ihren eigenen Fehlern genauso verständnisvoll und kreativ umgehen.

Darf’s noch ein bisschen mehr Mut sein?

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