In Ulrikes Kopf wohnte ein Dämon. Zumindest stellte sie sich das so vor, denn gesehen hatte sie ihn nie. Aber wem sonst sollte diese unheildrohende Stimme gehören, die so vernichtende Sätze sagte wie “Du schaffst das nie” und “Das wird noch ganz böse enden.”

Also versuchte Ulrike, ihren Dämon zur Ruhe zu bringen. Indem sie sich ganz besonders anstrengte. Indem sie Opfer brachte (Opfer sollen ja immer gut helfen, um Dämonen zu besänftigen). Immer kleiner wurde sie dabei, immer ängstlicher, nur darauf bedacht, nicht ständig diese harten und gemeinen Urteile zu hören. Doch so sehr sie sich auch bemühte, die Stimme wurde nicht leiser, sondern sogar immer mächtiger und drängender. 

Irgendwann holte sie sich Hilfe. 

“Hast du deinen Dämonen denn überhaupt schon kennengelernt?”, fragte ihr Coach. “Ich trau mich das nicht”antwortete Ulrike schüchtern. “Ich habe Angst vor dem, was ich entdecken könnte.”

“Lass es uns gemeinsam probieren” schlug der Coach vor. “Ich bin dabei, du schaffst das.”

Also ging Ulrike los, der Stimme nach. Immer tiefer drang sie in ihren Kopf ein, ängstlich, was ihr da begegnen werde. Doch je mehr sie in sich hinein lauschte und der Stimme folgte, desto jünger klang diese Stimme. Ganz nah war sie nun, nur noch eine Hirnwindung trennte sie von der Quelle dieser gemeinen Sätze.

Ulrike nahm ihren ganzen Mut zusammen und lugte um die Ecke. Was sie da sah, war ein kleines verängstigtes Kind. Was ihr solche Angst gemacht, sie immer wieder niedergemacht hatte und unter Druck gesetzt hatte, schaute sie aus großen Augen mitleiderregend an. “Ich möchte doch nur, dass du nichts falsch machst!” sagte es leise. “Ich habe Angst davor, geschimpft zu werden.”

Nein, Ulrike ist keine Heilige. Sie hat es noch nicht geschafft, das kleine Wesen in den Arm zu nehmen und zu trösten. Aber sie hat gelernt, ihrem inneren Dämon nicht mehr alles zu glauben und ihn als das zu sehen, was er eigentlich ist: ein Kind, das es doch nur recht machen möchte. 

Doch ich bin mir sicher: irgendwann wird sie es auch schaffen und auch den letzten Schritt gehen: dieses bedürftige kleine Kind anzunehmen, zu trösten und ihm glaubhaft zu versichern, dass es liebenswert ist. Sogar wenn es Fehler macht. Dann erst recht!

Darf’s noch ein bisschen mehr Mut sein?

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