Amanda sah sich neugierig um. Wie war sie hier gelandet? Alles wirkte fremd. Bis auf die alte Frau, die in einem Lehnstuhl saß und unablässig aus einem Fenster schaute. Sie wirkte ihr sonderbar vertraut.

“Entschuldigung”, sprach Amanda, all ihren Mut zusammennehmend, die alte Frau an. “Können Sie mir sagen, wer Sie sind und wo ich hier bin?”

Die Frau wandte sich Amanda zu. Ihr entrückter Blick fixierte die junge Frau, ein Lächeln erschien auf ihren Lippen. “Du bist in der Zukunft” sagte sie, “und ich bin du. Nur älter.”

Amanda konnte es kaum glauben. Und doch spürte sie, dass es wahr war. 

“Du.. ähm.. ich. Ich weiß gar nicht, wie ich dich ansprechen soll, aber ich weiß, dass ich viele Fragen habe.”

“Na dann, schieß los.”

“Warum bin ich hier?”, fragte Amanda.

“Weil ich dir etwas zeigen möchte. Komm mal zu mir ans Fenster.”

Zögernd näherte sich Amanda dem Fenster. So ganz geheuer war ihr die Sache nicht. Was, wenn das irgendwie eine Falle oder ein böser Scherz war? 

Die alte Frau rückte ihren Lehnstuhl zur Seite, so dass Amanda bequem neben ihr stehen und aus dem Fenster schauen konnte.

“Siehst du das?”, fragte die Ältere die Jüngere. “All die kleinen Dinge da unten, all die geschäftigen Menschen, die wie Ameisen herumrennen?”

“Ja. Es ist alles so … winzig. Wir müssen sehr hoch sein hier oben.”

“Es ist deswegen so winzig, weil es so wenig Bedeutung für mich mehr hat. Das alles, was du siehst, sind Situationen in deinem Leben. Ich habe dich zu mir eingeladen, weil ich am Ende meines Lebens stehe. Und jetzt schaue ich hinab und denke mir, mein Gott, war ich doof, dass ich ständig so beschäftigt war. Dass mir alles so wichtig vorkam. Dass ich immer dachte, alles habe so einen entscheidenden Wert.  

Und weißt du was?” Jetzt sah die alte Frau Amanda direkt in die Augen. “Jetzt, am Ende meines Lebens denke ich mir: Hätte ich mir doch einfach nur mehr Zeit gelassen. Hätte ich nicht alles so verbissen gesehen und so perfekt sein wollen. Die Dinge hätten sich auch ganz von allein entwickelt.”

Die blauen Augen, die Amanda so intensiv angeschaut hatten, verblassten und Amanda fand sich in ihrem eigenen Bett wieder. 

Sie hatte geträumt. Aber was für ein Traum war das gewesen! Er hing ihr immer noch in den Knochen, immer noch in ihrer Seele.

“Vielleicht hat mir mein Unterbewusstsein eine ganz wichtige Nachricht geschickt”, überlegte sie. “Vielleicht sollte ich mich heute einfach nicht ganz so wichtig und die scheinbar so wichtigen Aufgaben nicht ganz so ernst sehen und dafür ab und zu mal einfach aus dem Fenster schauen.“

Und dann nahm sie sich etwas sehr Entscheidendes vor: Von nun an wollte sie so leben, dass sie der Frau am Ende ihres Lebens sagen konnte, “Ich habe die richtigen Prioritäten gesetzt!”

Darf’s noch ein bisschen mehr Mut sein?

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