Ich kann es direkt vor mir sehen. Es hat sich geduckt, wartet ängstlich auf die Schelte und die Verachtung, die vermutlich gleich über es hereinbrechen wird, weil das immer so ist. Immer, wenn es einen Fehler macht. 

Ich schaue meine Patientin an, höre ihr zu, wie sie berichtet. Ihr ist gar nicht bewusst, wie streng und unbarmherzig sie mit ihrem inneren Kind umgeht.

Bis ich sie darauf anspreche. Zunächst reagiert sie verwundert, dann bestürzt, dann nachdenklich.

“Ich merk das gar nicht”, murmelt sie. “Ich kann das einfach nicht. “ – “Was denn nicht?”, frage ich sie. “Naja, für mein inneres Kind besser sorgen. Ich hab das nie gelernt.”

Als wir uns zur nächsten Sitzung wiedersehen, strahlt sie mich an. “Ich habe die Lösung”, sprudelt es aus ihr hervor. “Ich übergebe Ihnen die Verantwortung für mein inneres Kind, und Sie kümmern sich darum. Sie können das!”

Ich muss lachen. Ja, das würde ich tatsächlich gern tun. Aber ich muss meine Patientin enttäuschen. “Ich kann das leider nicht übernehmen, ich komme an dieses Kind nicht heran. Es ist in Ihrem Kopf, in Ihnen drin. Sobald Sie die Therapiestunde verlassen, nehmen Sie das Kind wieder mit. Sie können daher die Verantwortung nicht an mich abgeben.”

Die Patientin wirkt enttäuscht, traurig und überfordert. Ich möchte ihr Mut machen.

“Ich kann mich zwar nicht um dieses Kind kümmern, aber ich kann Ihnen zeigen, wie es geht. Sie dazu anleiten, mit sich und mit Ihrem inneren Kind weniger streng umzugehen.”

Ihr Gesicht hellt sich auf. “Meinen Sie, so eine Art Super-Nanny? Eine Erziehungsberatung, wie das manchmal vom Jugendamt angeboten wird?”. Ich grinse. “Ganz genau. Und Sie werden sehen, dass Sie bald wissen, wie Sie gut für Ihr inneres Kind sorgen und Vertrauen aufbauen können. Am besten, legen wir gleich los!”

Diese Begegnung ist schon viele Jahre her, damals hatte ich noch in der psychosomatischen Klinik gearbeitet. Seitdem aber habe ich vielen inneren Kindern zu mehr Sichtbarkeit verholfen, habe erleben dürfen, wie der erste vorsichtige Kontakt hergestellt werden konnte (oft zu Beginn noch ein bisschen widerwillig und vorsichtig), und wie dann die Beziehung meiner Patienten und Kunden zu sich selbst immer wohlwollender und vertrauensvoller wurde. Ich liebe diesen Job. Super-Nanny für innere Kinder ist einfach schön!

Darf’s noch ein bisschen mehr Mut sein?

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