Mit mehreren Müllbeuteln bewaffnet und umgeben von hunderten von Gegenständen sitzt Anna im Wohnzimmer. Der Umzug naht und sie ist mitten im Aussortieren. Plötzlich fällt ihr ein Bilderrahmen in die Hand. Auf dem Foto, das darin zu sehen ist, lachen zwei junge Frauen um die Wette.

Nachdenklich schaut Anna darauf und in ihrem Magen bildet sich ein Klumpen aus Schmerz und Enttäuschung. Sie hatte Carina vertraut. Ihre beste Freundin war sie gewesen, bis Anna festgestellt hatte, dass ihr Freund eine Affäre hatte – mit Carina!

Sie will das Foto wegwerfen, doch etwas hält sie zurück. „Sie hat dir so weh getan!“ schimpft eine Stimme in ihrem Kopf. „Das kannst du doch nicht einfach vergessen. Das Foto erinnert dich daran, was geschehen ist. Nimm es mit.“

„Aber will ich das wirklich?“, fragt sich Anna leise. Will ich wirklich etwas mit in mein neues Leben nehmen, das mich unglücklich macht? Hatte ich mir nicht vorgenommen, mich nur noch mit Dingen zu umgeben, die mir nützlich sind oder mir guttun?

„Das Foto ist nützlich“, raunt die Stimme in ihrem Kopf. „Es erinnert dich daran. Es mahnt dich, in Zukunft nicht mehr so schnell zu vertrauen. Da ist noch eine Rechnung offen. Sie schuldet dir noch eine Entschuldigung und vor allem eine Erklärung.“

Durch den Tränenschleier hindurch erkennt Anna kaum mehr etwas auf dem Foto. Das Herz brennt ihr. Sie war so glücklich gewesen. Mit Carina war es einfach schön, passend, einfach. Warum hatte sie ihr nur so vertraut? Warum war sie so doof und so leichtgläubig gewesen?

Doch dann fasst sie einen Entschluss. „Du hast mich enttäuscht“, spricht sie zu dem Foto in ihrer Hand. „Du hast mir unglaublich wehgetan und mein Vertrauen missbraucht. Ich weiß nicht, wie es dir geht. Vielleicht bereust du diese Entscheidung, denn ich bin mir sicher, unsere Freundschaft hat auch dir viel bedeutet. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Ich konnte nicht verhindern, dass ich verletzt wurde. Aber ich kann verhindern, dass es mich immer noch und immer wieder verletzt. Ich will dir keine Macht mehr über mich geben. Will nicht deswegen nur noch misstrauisch durchs Leben gehen. Ich WILL den Menschen vertrauen können.

Daher lasse ich nun meine Enttäuschung los. Nicht um deinetwillen sondern um meinetwillen will ich es vergessen und verzeihen. Nicht weil ich es gutheiße, sondern weil es mir nicht guttut, diesen Groll in meinem Herzen ständig mit mir herumzuschleppen.

 

Anna atmet auf. Sie spürt richtig, wie sie gerade etwas wirklich großes entsorgt hat. Und mit einem „Klonk“ fliegt der Bilderrahmen samt Foto im Müllsack. 

 

 

Darf’s noch ein bisschen mehr Mut sein?

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