Carola saß schon lange einfach nur auf dem Boden. Den Rücken an die Wand gelehnt, die Arme um die Knie geflochten, als müsste sie sich selbst zusammenhalten. Die Augen waren geschlossen. Doch selbst wenn sie sie geöffnet hätte, wäre die Welt nicht heller geworden. Sie war wieder in diesem dunklen Loch der Hoffnungslosigkeit gelandet.

“Sinnlos! Es ist alles sinnlos”, schoss es ihr durch den Kopf. “Ich habe mich so bemüht, aber sehe keinen Ausweg. Immer wenn ich mich angestrengt habe, und Land sehe, kommt doch wieder etwas, und es wird noch anstrengender.”

Lange Zeit bewegte sie sich nicht, sondern ließ diese Gedanken durch ihren Kopf wirbeln. Immer dieselben schwarzen Gedanken. “Was ich bräuchte, wäre eine helfende Hand. Eine Stimme, die mir sagt, dass alles wieder gut wird.” Der Gedanken an ihre frühere Therapeutin schoss ihr durch den Kopf. Was würde sie wohl zu dem Häufchen Elend sagen, das da so gekrümmt auf der Erde saß?

Plötzlich wusste Carola, was ihre ehemalige Therapeutin ihr sagen würde. Sie hatte die Stimme noch im Kopf, wie sie damals sagte “Es werden Zeiten kommen, in denen es Ihnen wieder schlecht geht. Das ist normal und Sie werden es vermutlich nicht verhindern können. Aber Sie können vorsorgen.” 

Carola riss die Augen auf. Der Brief! Ihre Therapeutin hatte ihr empfohlen, einen Brief an sich selbst zu schreiben. Als Rettungsanker für schlechte Zeiten. Wo um Himmels Willen hatte sie diesen Brief nur hingelegt?

Schwerfällig erhob sie sich. Alles kostete so viel Kraft und Mühe. Aber sie wollte wissen, wo sie diesen Brief hatte. Endlich fand sie ihn in der Sockenschublade, tief unter jeder Menge bunter Knäuel vergraben. “Für den wichtigsten Menschen in meinem Leben “ stand auf dem Kuvert “zu öffnen dann, wenn du ihn am dringendsten brauchst.”

Mit leicht zitternden Händen öffnete sie den Umschlag und entfaltete den Brief.

“Liebe Carola”, las sie. “wenn du diese Zeilen liest, wirst du vielleicht denken, dass alles hoffnunglos ist. Du wirst schwermütig sein und denken, dass es nie nie wieder gut werden wird. Aber ich sage dir, an dieser Stelle standest du schonmal. Und du hast es rausgeschafft aus dem Loch. Ich garantiere dir, du schaffst es wieder…” Tränen strömten aus ihren Augen, als sie weiterlas. Diese Worte der Ermutigung taten ihr so gut. Sie konnte sie annehmen und glauben, da es ihre eigenen Worte waren. Aus der Vergangenheit für sie geschrieben. Genau das, was sie jetzt hören musste, um wieder Kraft und Mut fassen zu können.

Mehrmals las sie den Brief und mit jedem Mal spürte sie ein klein bisschen mehr Licht in sich. Sie hatte sich auch selbst Tipps aufgeschrieben, die ihr damals geholfen hatten. Viele hatte sie schon längst wieder vergessen. Aber jetzt war der richtige Zeitpunkt, um sich daran zu erinnern.

Langsam faltete sie den Brief wieder zusammen. Sie würde sich noch einmal aufraffen, ihre Baustellen angehen. Weil sie es sich selbst schuldete. Sie würde es schaffen. Und danach den Brief um ein paar noch hoffnungsvollere Zeilen ergänzen.

 

 

 

 

Darf’s noch ein bisschen mehr Mut sein?

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