Ich bin halt einfach nicht gut. So oft habe ich das von meinen KundInnen schon gehört. Und meist erzähle ich dann ein Erlebnis aus meiner Klinikzeit, das ich auch Ihnen jetzt erzählen möchte.

Ich war noch nicht lange in der psychosomatischen Klinik und die Eingewöhnungszeit war nicht leicht. Denn ständig hatte ich das Gefühl, keine gute Ärztin und erst recht keine gute Therapeutin zu sein. Wenn es mit meinen Patienten bergauf ging, habe ich mich natürlich gefreut, aber deren Erfolge nicht auf mich bezogen. Ging es mit ihnen bergab, habe ich mich verantwortlich gefühlt und sie bedauert, dass sie keinen kompetenten Therapeuten bekommen haben, sondern mich.

Fast zeitgleich mit mir hatte eine andere Kollegin begonnen und wir arbeiteten eng  zusammen und tauschten uns aus.  So kam es, dass wir auch ein Angehörigengespräch zusammen abhielten. Gemeinsam klärten wir die Eltern einer jungen Patientin über die weiteren Schritte auf.

Ich war froh, dass meine Kollegin dabei war, denn sie fand klare Worte und strahlte Kompetenz aus während ich nur herum stotterte und nicht zum Punkt kam. Als das Gespräch hinter uns lag und wir uns noch kurz darüber austauschten, habe ich ihr dies gesagt.

Sie schaute mich entgeistert an und sagte “Wie? DU hast rumgeeiert und ICH war klar? Ich habe es genau anders herum erlebt!”

Für mich war das der Moment, in dem eine Erkenntnis vom Kopf ins Herz plumpste. Ja, theoretisch hatte ich auch vorher schon gewusst, dass die eigene Wahrnehmung verzerrt sein kann. Aber das war das erste Mal, dass ich es fühlen konnte. Das erste Mal, dass ich mir wirklich sicher war: Ich beurteile mich negativer als ich tatsächlich bin. 

Dieser Austausch hat so gut getan und hat in mir ganz viel bewegt. Und immer, wenn ich mal wieder erlebe, dass die Rückmeldungen von außen nicht mit meiner eigenen Wahrnehmung übereinstimmen weiß ich: Da hab ich wohl mal wieder die dunkle Brille auf. Und dann kann ich mich über das tolle Feedback freuen und mir sagen “Hey, ich bin mal wieder besser als ich dachte”

 

Vielleicht hilft mein Erlebnis auch Ihnen, sich dieser Brille bewusst zu werden. Ablegen können wir sie nicht so leicht, aber wir können lernen damit zu leben und trotzdem ein realistisches Bild von uns selbst zu bekommen.

Darf’s noch ein bisschen mehr Mut sein?

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